Banner: Sozialkonstruktionistische Forschung und Praxis


Geheimnis des Dialogs
Friedrich G. Paff


geschrieben im Elisabethjahr 2007 am 11. September
in der Kälte nachts bei Verspätung eines Zugs


In der Leere nächtlichen Bahnsteigs

frag ich mich plötzlich

wann sind Gespräche geglückt
d
amals und heute

dort und hier

immer und jetzt

Andreas, Johannes

Mehmet, Jesus

Sarah, Siddharta

Yukel, Fatma

du und ich




die Taufe in den Dialog
das Hinabtauchen in den
Strom der Kommunikation
das sich Abwaschen
von allen Etiketten
die nur kleben ohne
was zu bedeuten
die Versuchung des Teufels
zu sagen das hier
ist unumstößlich Wahrheit
für immer eingesteint
das goldene Kalb
 
 
immer krähen die Hähne
wir sind keine Engel
doch uns leuchtet
ein fernes Gottesreich
schon jetzt im Antlitz
des Geringsten unter uns
da ist er unabgewiesen
mitten unter uns
wir begegnen ihm
 
 
 
wenn wir uns öffnen
uns nicht verschließen
das Jenseits beginnt hier
im Augenblick wo
wir wenden Verstummung
in Zuwendung
 
 
dies ist in tausend Zungen
zu sprechen die eine Botschaft
die soviele Botschaften und immer
neue Möglichkeiten enthält
die nicht ist, sondern
immer erst entsteht
in unseren Beziehungen
dann spürst du
du bist Mensch
Demut und Dank
bescheiden Tat
 
 
 
das Leid, dem du nicht entfliehst
sondert dich nicht ab
wo du nicht trennst
nicht abgrenzt dich
blockierst nicht
und nicht dämmst
 
 
plötzlich ist es da
was einer Geist mag nennen
spirituell oder heilig
oder ganz im Nebenbei
banal eine neue
zuwendende Aufmerksamkeit
 
 
den Staub zu heiligen
den Nächsten zu sehen
nicht als Spiegel oder Bild
nicht endgültig
sondern als Zukunft
 
 
Gespräch das ist
das Wunder
daß ein Glänzen ist
ein Schauer
ein Aufbrechen aus
allem Erstarrten heraus
 
 
plötzlich beginnen die Steine zu fließen
werden Schwerter zu Pflugscharen
Ängste zu Einsichten
einengende Zwänge durchsichtig
öffnen sich Mauern wo
vorher Begriffe eingesargt nur
gleich einer Auferstehung schon jetzt
mit allem Wagnis
mit aller Hoffung
das heißt ich beginne
zu öffnen mich
zu vertrauen
 
 
zu grüßen wo vorher
nur abwendende Blicke
der Tod er hat
das letzte Wort nicht
wir haben es
über allen Tod hinaus
und nennen es Liebe
 
 
 
den Blick auf das Leben
das pulsiert, atmet, pocht
wir leugnen die Schatten nicht
die Dissonanzen, Paradoxien
 
 
aber wir gehen durch sie hindurch
gerade weil wir uns ihnen stellen
wir das bist du und ich
wie wir werden wenn wir
länger nicht eingeigelt ein ich nur sind
sondern der Anfang eines Grüßens
das tief uns durchzieht
ein Blick der uns trifft
ein Wort, das entsteht, weil du
es mir sagst und erfindest mit
deine Antwort die immer dann
Frage und Anstoß mir wieder ist
 
 
 
dies zu erleben
nicht mehr vereinzelt zu sein
sondern selbst einsam gar zu fühlen
wir sind eine Welt jetzt
ein Gespräch ein Dialog ein Du
das im andern sich schafft
 
 
 
in tausend Facetten
laß uns durchtrennen
die Nabelschnur die uns bindet
an sklavische Fesseln der Sprache
die nur einengen und erstarren
 
 
 
Sprache das ist keine Enzyklopädie
kein Wörterbuch der Verängstigung
 
 
Sprache das sind wir
wie wir miteinander
zueinander begegnen
 
 
unsere Rechtschreibung
ist die Offenheit
 
unsere Komma's Brücken
 
hier wo alles flucht Verspätung
an den abendlichen Bahnsteigen
der Pendler leuchtet neue Ankunft
 
 
siehst du dem Müden in die Augen
siehst du was der Tag ihm verwehrt
 
aufblüht uns ein Erwachen
das nicht mehr zerteilt
in Körper nur oder Seele
was zwischen uns ist
fließt, entsteht
auch durch Differenz hindurch
durch Reibung und Widerspruch
 
 
ein Denken das geht
durch die Gitter hindurch
und öffnet uns
aus den Käfigen unserer Abwehr
 
 
eine Verzauberung
die wir selber erschaffen
weil wir geben und nehmen zugleich
wenn wir uns schenken
was oft so lange verwehrt
einander brechen die Stumme
in Worte entzwei die
zwischen uns fließen
Honig und Wein aus
irdenen Krügen
Salz auf den Lippen
blüht ein Wort
 
 
das gerade du oder ich
geworfen uns zu
es erhellt die Welt
öffnet den Blick in uns
ist es auch Funke in Asche
 
 
komm näher zu mir
wie soll ich es sagen
mit Haut, Haar
Blick oder Wort
 
 
wußtest du
was das Geheimnis
allen Dialoges ist :
 
 

die Ferne des Paradieses
ist die Nähe
 
 
www.friedrich-g-paff.de



The Mystery of Dialogue

by Friedrich G. Paff

written in 2007
Elisabeth’s Year, September 11,
in the coldness
at night
during a train’s delay

translated by Karin Roth
at Rosh haShanah 5768
within the silent sound of WITH



At nighttime
in the emptiness
of a departure platform
I suddenly begin to wonder
our conversations
when do they come off well
formerly and today
there
here
always
and now
Andrew, Johannes
Mehmet, Jesus
Sarah, Siddharta
Yunkel, Fatma
you and I

baptism
into dialogue
immersion into streams of conversation
to purify oneself
from all those labels

they only stick
and don’t mean anything

the devil’s temptation to say
this here
is an unalterable Truth
the Golden Calf
enclosed forever
into stone


and all along
the roosters crow
we are not angels
but
in the face of the least among us
a distant Promised-Land
enlightens us
here he is
not rejected
amidst us
we face him
when we unseal ourselves
when we don’t close ourselves

the Next World
begins just here
within this moment
when we turn our growing muteness
into devotion

this is
to speak in thousand tongues
about the very message
holding so many narratives
and always new potentials
meaning does not exist prior
but is arising always
from our relationships
you feel then
you’re a human
you act with modesty
humility and gratefulness

the agony you don’t try to escape from
does not set you apart
if you do not disrupt,
border or block
or insulate
yourself

and suddenly it’s here
what one may refer to as sainthood
spiritual or sacred
or by the way quite banal
a new attentiveness
is turning toward you

to sanctify the dust
to see the one next to you
not as a mirror
or a picture
not final
but as future

dialogue
the miracle that there’s a glow
a shiver
a breaking out of stupor

and suddenly the stone begins to flow
swords turn into ploughshares
fears into insights
and all the suffocating forces become limpid
walls open up
were previously the terms were only caged into a coffin
and like a present resurrection
with all the venture
with all hope
I start
to open up myself
I start to trust

greetings
where previously were just averting eyes
death does not have the final say
we do have it
beyond all death
and call it love

we look at the pulsating life
that breathes, thumps
we don’t deny the shadows
the dissonances, paradoxes
and we go through all this
precisely because we face it

we
you and I
that is the way we grow
when we decide
not to remain encapsulated any longer
as severed I
it’s the beginning of a salutation
that passes deeply through us
an eye that touches
a word you tell me
that emerges only because you say it
you co-invent your answer
that serves as question and impulse in turn


to live through this
to be not isolated any longer and to feel
even lonesome
we are one world now
one conversation and
one dialogue
a you creates itself
through dialogue
vis-à-vis

let us disrupt
into a thousand facets
the umbilical cord
that ties us to the slavish chains of language
chains that restrict only and freeze

Language
this is not an encyclopedia
no dictionary of fears

we are the language
the mode we meet
with one another

our orthography
is the openness
a comma is the bridge

this evening here and close to me
a commuter
at the departure platform
where everybody rails against the frequently delay
he gleams a new arrival

if you’re inclined to look
into the eyes
of those who’re weary
you realize
what this very day
refused to give

something begins to bloom
a new awakening
it does not dissipate
not any longer
into body, spirit
something between us
flows
and it emerges also
throughout the difference
through contradiction
and through friction

a thinking that walks through the gratings
it opens us
and frees us
from our cages of all defense


together we bring into being an enchantment
because we give and we take at the same time
if mutual we give
all what we did refuse long time
if mutual we break the muteness
into mutual word-flows
like honey and like wine
in earthen flagons
salt on our lips
a word
begins
to blow

just now you toss it to me
or I toss it to you
it lightens the world
it opens our view
it’s also a spark
within the ashes

come closer to me
how to say it
with skin or hair
with eyes or words

do you know
the secret of dialogue:

nearness
is the distance of Paradise









Förderung durch:
Logo Europäische Union Europäischer Sozialfonds

Logo LOS Lokales Kapital für soziale Zwecke

Logo Bundesministerium für Familie, SeniorInnen, Frauen und Jugend

JE SUIS CHARLIE

  letzte Aktualisierung:
  29.05.2021, Karin Roth