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"Behinderung ist der nicht gelungene Umgang mit Verschiedenheit."
(Prof. Dr. Renate Walthes, Uni Dortmund, Fakultät 13)



Metalog von Renate Walthes:

"Tochter:

Papi, was ist eigentlich Behinderung?

Vater:

Eine Behinderung, meine Liebe, ist ein Erklärungsprinzip.

Tochter:

Wenn es ein Erklärungsprinzip ist, was erklärt es dann?

Vater:

Alles, mein Schatz, alles, was man damit erklären will. Behinderung ist ein Erklärungsprinzip für Situationen, in denen die Verständigung der Personen nicht so verläuft, wie gewünscht oder erwartet und dieses Mißgeschick der Verständigung einer Person ursächlich zugeschrieben wird, die vielleicht deutlich anders ist als die meisten, indem man sagt, sie sei behindert."


Walthes, R. (1995). Behinderung aus konstruktivistischer Sicht - dargestellt am Beispiel der Tübinger Untersuchung zur Situation von Familien mit einem Kind mit Sehschädigung. In J. Neumann (Hrsg.), Behinderung - von der Vielfalt eines Begriffs und dem Umgang damit (89 - 104). Tübingen: Attempto Verlag, S. 89f.



„Sind wir anders als Durchschnittsmenschen? Nein. Wir müssen öffentlich machen, daß ‘psychische Krankheit’ eher ein Glaubensprinzip ist als eine wissenschaftliche Realität (aber es gibt genug echte Gründe verrückt zu werden), und darum brauchen wir keine Diagnosen, Psychopharmaka, Elektroschocks und Zwang, aber alle in der Gesellschaft brauchen mehr Toleranz, weniger Normalität und weniger Angst vor abnormem Verhalten.
Menschen, die Hilfe brauchen und möchten, sollten die Hilfe bekommen, die sie wünschen. Sie sollten die Möglicheit haben, zwischen echten Alternativen zu wählen. Behandlung mit schädlichen Folgen (Neuroleptika, Schocks) wie z.B. Chromosomenschäden und Tumorbildungen in den Brustdrüsen bzw. Hirnschäden muß gleichzeitig verboten werden.
Für mich (und unseren Verein) sind die politischen und juristischen Entscheidungen von großer Bedeutung. Ich kämpfe nicht für schöne Worte und Wünsche, sondern für wirkliche Veränderungen, die durchgesetzt werden müssen. Die Psychiater werden nicht freiwillig aufgeben.“ 
Kempker, Kerstin (1996). Diskussionsbeitrag, in: Self understanding and self definition. Written contributions from participants. In European Network of Users and Ex-Users in Mental Health (Hrsg.), Our Own Understanding of Ourselves. Report on the Kolding Seminar. 16.-18. December 1994 (5 - 11). Rotterdam, European Desk, S. 5f.


„Ich möchte nicht noch einmal definiert werden.“
Kempker, Kerstin (1996). Diskussionsbeitrag, in: Self understanding and self definition. Written contributions from participants. In European Network of Users and Ex-Users in Mental Health (Hrsg.), Our Own Understanding of Ourselves. Report on the Kolding Seminar. 16.-18. December 1994 (5 - 11). Rotterdam, European Desk, S. 9.


„Der Arzt (SonderpädagogIn, kr) sitzt am Ufer der Normalität, läßt sich das Strandgut zeigen und sortiert es in seine mitgebrachten Kästchen (was sich sperrt, wird zusammengestaucht), der Strand soll sauber sein. Merkwürdig ist nur, daß er nicht sieht, daß all diese Gestrandeten als ‘Abfallprodukte’ seiner Normalität angeschwemmt werden. So begreiflich es ist, daß er sich scheut, den festen Boden zu ver- und sich der (mit)reißenden Strömung zu überlassen, so unbegreiflich ist es doch, warum er - ausgestattet mit allem Nötigen - nicht übersetzt auf die andere Seite, um sich deren Wirklicheit zu nähern.“ 
Kempker, Kerstin (1991). Teure Verständnislosigkeit: die Sprache der Verrücktheit und die Entgegnung der Psychiatrie. Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag, S. 30


"...was wir für Tatsachen „sozialer Abweichung“ halten, ist nicht durch sich selbst gegeben, vielmehr bestimmen Vorstrukturierungen, die als Etikettierungen vorhanden sind, und Methoden, Wirklichkeit sozial auszuhandeln, das, was als „soziale Abweichung“ etc. zählt und gilt..."
Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung (siehe www.boag.de)


"...Beschreibungssprachen operieren als Linsen oder Filter, mit deren Hilfe wir bestimmen, was überhaupt für uns als wahrnehmbares Objekt in Frage kommt - die Vorstrukturierungen, die die Beschreibungssprache liefert, haben einen starken Effekt darauf, wie wir uns die Welt erklären.."
Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung (siehe www.boag.de)


„Sie haben eine Funktionsstörung im Gehirn...Das hat mit Ihnen, Ihrer Person und Persönlichkeit nichts zu tun. Ihre Lebensgeschichte interessiert mich nicht. Sie brauchen überhaupt nicht zu versuchen herauszufinden, warum. Es ist endogen, die Krankheit kommt so über Sie, das können Sie nur medikamentös bekämpfen. Stellen Sie sich darauf ein, daß Sie ihr Leben lang Medikamente nehmen müssen, zur Phasenprophylaxe. Sonst kommt das immer wieder, und das wissen Sie ja, wie das dann ist, das wollen Sie doch auch vermeiden, oder?“ 
zitiert nach: Hölling, Iris (1999). Die Diagnosebrille. Zur Funktion und Problematik psychiatrischer Diagnosen. In Claudia Brügge / Wildwasser Bielefeld e.V. (Hrsg.), Frauen in ver-rückten Lebenswelten (220 - 230). Bern: eFeF-Verlag, S. 220.


„Ich bin krank, ich kann ja nichts dafür. Ich bin nicht verantwortlich für die Scheiße, die ich angerichtet habe, das war die Psychose, weißt du? Das mußt du verstehen, das war nicht ich. Es tut mir leid, was ich dir angetan habe, aber mich trifft eigentlich keine Schuld. In Zukunft werde ich das Lithium auch nicht mehr absetzen, dann kommt das sicher nicht wieder vor.“
zitiert nach: Hölling, Iris (1999). Die Diagnosebrille. Zur Funktion und Problematik psychiatrischer Diagnosen. In Claudia Brügge / Wildwasser Bielefeld e.V. (Hrsg.), Frauen in ver-rückten Lebenswelten (220 - 230). Bern: eFeF-Verlag, S. 221.


„Sag mir bloß nicht, ich soll einer Schizophrenen genauso glauben wie einer anderen Frau. Ich bin nicht auf Psychiatrie spezialisiert, ich kenne mich also nicht aus, aber es ist lächerlich, daß das von mir hier erwartet wird.“ 
zitiert nach: Hölling, Iris (1999). Die Diagnosebrille. Zur Funktion und Problematik psychiatrischer Diagnosen. In Claudia Brügge / Wildwasser Bielefeld e.V. (Hrsg.), Frauen in ver-rückten Lebenswelten (220 - 230). Bern: eFeF-Verlag.




„(den Eltern ist das Wort gesagt worden: unheilbar).
(...)
Er war also zwölf Jahre alt
1967
ein unerträgliches Kind, gewiß
wegen der Schäden
wegen der Nachbarn
wegen allem, was man darüber sagen konnte
allem, was sich sagen konnte
und dann: nichts zu machen
unheilbar
unerträglich
unmöglich
unheilbar
unmöglich
haben sie ihn also genannt
die Gesellschaft jedoch hat alles vorhergesehen
selbst Orte, wo das Nicht-Leben vorgesehen ist...
Deligny, Fernand (1980). Ein Floß in den Bergen. Neben Kindern leben, die nicht sprechen. Chronik eines Versuchs (S. 11 – 33). Berlin: Merve Verlag.




"(...)
Es kam vor, daß der eine oder andere von uns
ihn begleitete
diesen Jungen
bis hin zum Wasser
ertrat nicht ins Wasser
er schaute
und wir dachten
denn anders
gab es für ihn
nicht
was tun
um uns in seinen Augen
zu Wasser zu machen"
Deligny, Fernand (1980). Ein Floß in den Bergen. Neben Kindern leben, die nicht sprechen. Chronik eines Versuchs (S. 11 – 33). Berlin: Merve Verlag.




Unter „Behinderung“ versteht die WHO die negative Wechselwirkung zwischen einer Person mit einem Gesundheitsproblem (ICD) und ihren Kontextfaktoren auf ihre Funktionsfähigkeit (insbesondere die Teilhabe an einem oder mehreren Lebensbereichen).
(BAR-Information Nr. 3/2001 vom 22. Juni 2001, S. 16)



„Behinderung liegt vor, wenn ein Mensch auf Grund einer Schädigung oder Leistungsminderung ungenügend in sein vielschichtiges Mensch-Umwelt-System integriert ist.“
(Sander 1988, S. 81)


„... denn Behinderung ist ihrem Wesen nach keine Eigenschaft, sondern eine Relation zwischen individualen und außerindividualen Gegebenheiten. (...) Die Diskrepanz zwischen Verhaltensdisposition und Verhaltenserwartung im konkreten oder gedachten Verhalten ist als das wesentliche Merkmal von Behinderung anzusehen, nicht aber die Verhaltensdisposition an sich.“
(Bach 1985, S. 6f.)


„Das Existentwerden von Behinderung ist abhängig von den sozioökonomischen Bedingungen einer Gesellschaft.“
(Jantzen 1973, S. 156)
















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  letzte Aktualisierung:
  28.03.2019, Karin Roth